Markt Postbauer-Heng
Heimatpflege
Frau Theresia Huber, geb. Kleesattl aus Pavelsbach, jetzt wohnhaft in Nürnberg, hat dankenswerterweise nachfolgenden Bericht über ihre damalige Lehrerin, die in Pavelsbach unterrichtete, verfasst.
Das Fräulein!
Bei uns Schulkindern war sie nur „das Fräulein“ und hieß eigentlich Franziska Baier. Sie unterrichtete im „kleinen Schulhaus“ die ersten 3 Klassen der Dorfkinder. Das kleine Schulhaus war ein großer, heller Raum mit großen Fenstern. Zwei Reihen Bänke mit einem breiten Mittelgang, ein großer Katheder, einige Landkarten und eine Tafel waren die Einrichtung. Vielleicht war auch irgendwo noch ein Ofen, denn ich erinnere mich nicht, dass wir im Winter gefroren haben. Interessant wäre, wie viele Kinder im Dorf durch ihre Klassen gingen. Ich erinnere mich nicht, dass jemand ungern zu ihr in die Schule ging. Lesen, Schreiben und Rechnen hat sie uns beigebracht. Erzählt hat sie über die vier Jahreszeiten über Sonne, Mond und Sterne. Was der große Wagen am Himmel ist und der Nordstern. Die Mondsichel, das große „A“ nach unserer Sütterlinschrift, links mit dem Bauch, gilt für abnehmend und das kleine „z“ Bauch rechts, für den zunehmenden Mond. Das konnte man nie wieder vergessen. Die ersten Benimmregeln hat sie uns Dorfkindern beigebracht: Man spricht nicht mit vollem Mund, man hält die Hand vor beim Husten, Niesen und auch Gähnen. Man bohrt nicht in der Nase. Man sollte doch immer ein Taschentuch in der Schürzen- oder Hosentasche haben.
Nie war unser Fräulein laut und ungeduldig. Ich weiß nicht mehr, ob sie einen „Tatzenstecken“ besaß. Ich hab ihn nicht kennengelernt. Sie war schön. Wir bewunderten ihre schöne Frisur. Immer leicht lockig und aufgesteckt, nicht so streng nach hinten gebürstet und in Zopf und Schopf gesteckt wie bei unseren Müttern. Wir Mädchen bewunderten ihre schönen Kleider. Im Sommer trug sie Dirndlkleider, in manchen Wochen jeden Tag ein anderes. Wir beneideten sie. Zur Fronleichnamsprozession trug sie das schönste Kleid und einen wunderbaren Sommerhut. Manchmal, zum Schulanfang nach den Ferien oder zu ihrem Namenstag Franziska, am 09. März, machte sie eine große Verlosung für uns alle. Sie hatte für jeden von uns etwas eingepackt und wir durften Nummern ziehen. Nieten gab es keine. Da gab es Farb- und Bleistifte, Schreibhefte, Spitzer, Griffel oder einen Schwamm für unsere Schiefertafel oder auch ein schönes Taschentuch. Sie machte uns Kindern damit eine große Freude. Später gab unser Fräulein auch noch Unterricht für die ländliche Berufsschule. Alle paar Wochen kam jemand, der uns „Großen“ einen Film vorführte, damit wir auf dem Land auch was Tüchtiges lernten. Da gab es Filme: Wie lege ich im Garten ein Frühbeet an oder wie baue ich ein Hühnernest oder wir erfuhren, wie Sensen hergestellt werden. Danach mussten wir natürlich einen Aufsatz in unser Heft schreiben. Also schrieb ich: Wir sahen heute einen Film, wie Sensen hergestellt werden. Aber das hat mich gar nicht interessiert. Punkt! Das Fräulein hat die Hefte eingesammelt, nahm mein Heft, schaute mich an und drehte sich zum Fenster. Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie weiter einsammelte. Eine tüchtige Strafarbeit oder wenigstens Nachsitzen hatte ich schon erwartet, aber es kam nichts. Ich habe das nie vergessen. Sie war schon ein einmaliges „Fräulein“ und ein wichtiger Mensch in unserer Jugend im Dorf. Am 21. April 1945 – bei dem Fliegerangriff auf das Dorf – wurde sie so schwer verwundet, dass sie nicht überlebte. Das wird nun schon 60 Jahre im Frühjahr, aber vergessen ist sie nicht „unser Fräulein“.
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